Ganzheitliches Lernen

Mit allen Sinnen die Welt erfahren und begreifen - die Vielfalt der Intelligenzen entdecken

Die Idee des ganzheitlichen Lernens ist ein aktuelles Thema, fordert doch die Komplexität unserer Zeit ein Umdenken vertrauter Denkschemata. Doch neu ist der Gedanke nicht: Bereits im 17. Jahrhundert weißt der Pädagoge Comenius darauf hin, dass Wissen auf Sinneswahrnehmung basiert. Pestalozzi vertritt im 18. Jahrhundert das "Lernen mit Kopf, Herz und Hand". Allerdings wurde damit die Schulung der Sinne gemeint, nicht der gezielte Einsatz der Sinne, um Denk- und Lernprozesse zu verbessern oder zu ermöglichen.

Maria Montessori erkannte als eine der ersten die Wichtigkeit des Lernens mit allen Sinnen und begann zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf dieser Basis ihre Pädagogik zu entwickeln und umzusetzen. Heute ist die Forderung nach Ganzheitlichem Lernen keine mehr, die lediglich aus Beobachtungen und Erfahrungen resultiert, sondern eine fundierte, mit Er-kenntnissen aus der Hirn-, Intelligenz- und Lernforschung untermauerte. Diese Erkenntnisse sollen im Folgenden kurz angerissen und erklärt werden. Der Artikel gibt einen ersten Einblick in die Hintergründe des Ganzheitlichen Lernens, erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit.



Unser Gehirn

In unserem Gehirn werden Wissen, Gefühle, Talente, Kompetenzen und Erfahr-ungen miteinander vernetzt und so zu einer Ganzheit verarbeitet. Denken, Er-fahren und Empfinden sind nicht von einander losgelöst zu betrachten, son-dern bilden eine sich ergänzende Einheit, die mehr ist als die Summe ihrer Ein-zelteile. Basis für diese Vernetzung ist der anatomische Aufbau des Gehirns, die Vernetzung erfolgt durch Reize von außen, die die Entwicklung unseres inneren Netzwerkes fördern und beeinflussen.



Evolution und anatomischer Aufbau unseres Gehirns

In der Evolutionsgeschichte unseres Gehirns entstand vor ca. 1,5 Milliarden Jahren der Hirnstamm oder das Reptiliengehirn. Es verbindet das Gehirn mit dem Rückenmark. Im Hirnstamm ist unser Selbsterhaltungstrieb lokalisiert: lebenswichtige Funktionen wie Herzschlag, Atmung, Schlucken und Fortpflanzung werden von hier aus vollautomatisch gesteuert. Die nächste Etappe war 500 Millionen Jahre später mit der Entwicklung des Zwischenhirns erreicht. In ihm laufen die Nervenstränge der Sinnesorgane zusammen, die Körpertemperatur wird hier reguliert, Hunger und Durstgefühl entstehen im Zwischenhirn. Die im Zwischenhirn gelegene Hypophyse steuert den Stoffwechsel und das Wachstum. Erst vor 500.000 Jahren entwickelte sich das Großhirn. Es bildet mit ca. 7/8 den größten Teil unseres Gehirns und besteht aus zwei Hälften, der rechten und der linken Hemisphäre. Diese sind durch einen Nervenstrang, das Corpus callosum verbunden. Dieser ermöglicht die Kommunikation zwischen beiden Hemisphären und die Überleitung von Erinnerungs- und Lerninhalten. Im Großhirn sitzen Bewusstsein, Persönlichkeit und Willen. Der letzte Entwicklungsschritt in der Evolution unseres Gehirns war die Entstehung der Großhirnrinde, die das Gehirn umhüllt. Motorische und sensorischen Abläufe werden von hier gesteuert, sie ist zudem für die "höheren Funktionen" wie Denken und Sprechen verantwortlich.



Die rechte und die linke Gehirnhälfte

Äußerlich spiegelbildlich symmetrisch, haben beide Hirnhälften sehr unterschiedliche Funktionen: In der linken Hirnhälfte werden eher kognitive Leistungen wie Sprechen und rationales Denken, in der rechten überwiegend emotionale, intuitive Leistungen wie Gefühle und Kreativität erbracht (s. Tab. 1). Außerdem steuern die Hirnhälften die je andere Körperhälfte, d.h. z.B. wird die rechte Hand von der linken, die linke Hand von der rechten Hemisphäre kontrolliert.



Die linke Hirnhälfte Die rechte Hirnhälfte
denkt logisch, regelgeleitet, gliedernd, organisierend, analysierend, planend denkt spontan, untuitiv, gefühlsmäßig, fantasievoll, kreativ
liebt überschaubare Ordnung liebt den Zufall, das Neue, das Ungeordnete, die Improvisation
denkt in Begriffen denkt in Bildern
speichert und organisiert Informationen, registriert Einzelheiten und verarbeitet sie nacheinander erfasst ganzheitlich
denkt linear, zielgerichtet denkt umkreisend, unerwartet, assoziierend, tagträumend, "wild"

Tab 1. (Auszug aus: Das Schatzbuch ganzheitlichen Lernens, Liebertz, Ch., 2000)

Bis zum 4. oder 5. Lebensjahr entwickeln sich beide Hirnhälften gleichberechtigt, danach erfolgt die Spezialisierung der Hemisphären, durch unterschiedliche Gewichtung einzelner Reize, entwickelt sich häufig eine Hirnhälfte zur dominanten. D.h. sie wird verstärkt aktiviert und mit Informationen versorgt. Das bedeutet nicht, dass die andere Hirnhälfte brachliegt, aber ihr Potential wird nur bedingt genutzt. Die Dominanz der Hirnhälften ist weder angeboren, noch zwangsläufig. Durch eine ganzheitliche Förderung und Forderung des Gehirns, können sich alle Bereiche gleich entwickeln. Unabhängig davon gibt es aber unterschiedliche Talente und Interessen, die die Vielfalt unseres Lebens bereichern und ausmachen (vgl. Kapitel Intelligenzen).



Unterschiedliche Lerntypen

Durch diese Dominanzen ergeben sich unterschiedliche Wege des Lernens und Lerntypen: den visuellen, den auditiven und den haptischen Lerntyp.


Der Intelligenzbegriff

Herkömmlich wird Intelligenz mit guten Noten in den Hauptfächern Mathematik, Deutsch und Englisch verbunden. Der IQ gilt als Meßlatte für Intelligenz. Genauer betrachtet sagt der IQ aber nur etwas darüber aus, wie viele Zahlen- und Bildfolgen eine Person in einer bestimmten Zeit lösen kann. Über Kreativität, soziale Kompetenzen und Selbstwertgefühl trifft dieser Wert keine Aussage. Die im eigentlichen Sinne menschliche Intelligenz, Probleme zu lösen oder Produkte zu entwerfen, die im jeweils speziellen kulturellen Umfeld relevant sind (Gardner; H.) wird damit in keinster Weise berücksichtigt. Garder legt in seiner Intelligenztheorie sieben Intelligenzbereiche zu Grunde.



Sprachliche Intelligenz

Die Fähigkeit, Sprache zu lernen ist zwar angeboren, die sprachliche Intelligenz, die bei sprachbegabten Menschen besonders deutlich wird, kann aber durch ein vielfältiges Angebot gefördert werden. Kinder, mit denen viel kommuniziert und vor allem nicht in "Babysprache" gesprochen wird, denen Bücher vorgelesen oder Geschichten erzählt werden, können diese sprachliche Intelligenz deutlicher entwickeln, als Kinder, die sich mit Fernsehen und Computerspielen die Zeit vertreiben.



Musikalische Intelligenz

Wie die sprachliche Intelligenz ist auch die musikalische angeboren. Kinder ahmen beim Erlernen der Sprache die Sprachmelodie der Eltern nach, das Gehirn arbeitet rhythmisch, Lernprozesse können durch Melodien beein-flusst werden. Der musikalische Lernprozess kann durch Musizieren, hören von Musik und rhythmische Angebote gefördert werden.



Logisch-mathematische Intelligenz

Die logisch-mathematische Intelligenz begleitet uns im Alltag: z.B. wenn wir einkaufen, Kreuzworträtsel oder Sudokus lösen. Laut Gardner beruht diese Intelligenzform auf "Konfrontation mit der Welt der Dinge". Mathematische Intelligenz löst häufig einen immensen Respekt hervor und hat in den Industrieländern des Westens einen hohen Stellenwert.



Räumliche Intelligenz

Die Räumliche Intelligenz steht im Zusammenhang mit der Wahrnehmung von Objekten in unserer Umgebung. Um diese Intelligenz zu fördern, ist es wichtig, viele Raum-Lage-Erfahrungen zu sammeln: Da Balancieren oder Klettern ist genauso wichtig, wie ein Spiel mit Bauklötzen oder Bauernhoftieren. Aber auch akustische Reize zur Orientierung im Raum sind von großer Bedeutung (von wo aus werde ich gerufen?) Wichtig für die Ausbildung dieser Intelligenzform ist im wahrsten Sinne des Wortes das Begreifen. Die Förderung des Sehens und Hören sowie des Tast- und Raumsinnes in den ersten drei Lebensjahren ist ein wesentlicher Faktor für die Ausprägung der räumlichen Intelligenz.



Interpersonale Intelligenz

Die interpersonale Intelligenz kann auch als soziale Intelligenz bezeichnet werden. Ebenso spielt die emotionale Intelligenz in diesen Bereich. Es geht hierbei um die Beziehung zu anderen Individuen, um das Verständnis für diese und um das nachvollziehen von Gefühlen und Stimmungen der anderen. Empathie und eine großes Interesse an sozialen Kontakten sind ein Zeichen für eine ausgeprägte interpersonale Intelligenz.



Intrapersonale Intelligenz

Bei der intrapersonalen Intelligenz geht es um das Selbst-Verständnis. Sich selber zu verstehen, zu akzeptieren und die eigenen Gefühle erkennen und mit ihnen umzugehen sind Merkmale dieser Intelligenz.



Körperlich-Kinästhetische Intelligenz

Körperliche Bewegungen vielfältig und kontrolliert zu variieren sind Zeichen dieser Intelligenzform. Einen Strumpf zu stopfen, klettern oder Pantomime gehören in diesen Bereich. Erst nach 20.000 bis 100.000 Wiederholungen wird vom Gehirn das Bewegungsmuster gespeichert und automatisiert. Wichtig ist somit ein vielfältiges Angebot, um sowohl die Fein- als auch die Grobmotorik zu fördern.


Quellen: Liebertz, Ch.: Das Schatzbuch ganzheitlichen Lernens. München, 2000
Meister Vitale, B. Lernen kann phantastisch sein. Offenbach, 1998
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