Astrid Lindgren - ein Kurzportrait

Astrid Lindgren

"Freie und unautoritäre Erziehung bedeutet nicht, dass man die Kinder sich selbst überlässt, dass sie tun und lassen dürfen, was sie wollen. Es bedeutet nicht, dass sie ohne Normen aufwachsen sollen, was sie selber übrigens gar nicht wünschen. (...) Ganz gewiss sollen Kinder Achtung vor ihren Eltern haben, aber ganz gewiss sollen auch Eltern Achtung vor ihren Kindern haben, und niemals dürfen sie ihre natürliche Überlegenheit missbrauchen. Liebevolle Achtung voreinander, das möchte man allen Eltern und Kindern wünschen."
(Astrid Lindgren)

Astrid Lindgren wurde am 14.11.1907 als Astrid Ericsson auf Näs bei Vimmerby in Småland (Schweden) geboren. Sie wuchs mit ihren drei Geschwistern in der Idylle eines roten Pfarrhofs auf. Ihre Eltern sind Bauern, die ihr das Glück einer behüteten Kindheit voller Liebe bescheren - so beschreibt Astrid Lindgren immer wieder ihre Zeit auf Näs.

Astrid Lindgren und ihre Bücher wären wohl kaum vorstellbar ohne Småland, mit seinen weiten, geheimnisvollen Wäldern, seinen unzähligen Seen, Inseln und klaren Bächen, seiner unberührten Natur und ihrer unbeschwerten Kindheit. Alle diese Erinnerungen finden sich in ihren Büchern wieder.

Beide Eltern hatten ein ausgesprochenes Erzähltalent. Abends am Küchentisch und während des gemeinsamen Arbeitens auf dem Bauernhof gab der Vater viele Geschichten zum Besten, oder er las aus Büchern vor. Astrid Lindgren sagt von ihrem Vater, dass er "der beste Erzähler von allen" war. Ihre Mutter sang ihr abends Psalmen vor, auf Fahrten mit der Pferdekutsche wurden viele Lieder gesungen. So wuchs Astrid Lindgren inmitten von Natur, einer geborgenen Familie und mit Geschichten und Lyrik auf.

1914 kam Astrid Lindgren in Vimmerby in die Schule. Eine bleibende Erinnerung ist die an eine Mitschülerin, die wegen eines kleinen Diebstahls vor der ganzen Klasse vom Lehrer geprügelt wird - für sie eine zutiefst unwürdige und unrechte Handlungsweise.

Auch stellte sie fest, dass ihre Klassenkamerad/innen aus verschiedenen Schichten kamen: Ihre beste Freundin wurde die Tochter eines Bankdirektors, sie kam aus einer einfachen Bauernfamilie. Astrid Lindgren bemerkt dazu: "Das war wohl etwas feineres, als einen Bauernvater zu haben. Aber mir gefiel mein Vater auch so." Sie erlebte aber auch, dass diese Unterschiede beim gemeinsamen Spielen nicht zählen, wichtig waren die Besonderheiten jedes einzelnen Kindes und die erlebten Abenteuer.

Astrid Lindgren entwickelte sich schnell zur Leseratte und verschlang in kürzester Zeit fast alle Bücher der Schulbibliothek. Sie schrieb Aufsätze, die in einer Vimmerbyer Zeitschrift abgedruckt wurden, was ihr den Spitznamen "Selma Lagerlöf von Vimmerby" eintrug. In dieser Zeit fasste sie den "unwiderruflichen Entschluss", niemals Schriftstellerin zu werden.

1923 bestand sie mit guten Noten die Abschlussprüfung der Mittelschule. Sie arbeitete danach zunächst als Volontärin bei der "Wimmerby Tidningen". Ihre Aufgabe bestand darin, Notizen zu sammeln, Korrektur zu lesen und kleinere Reportagen zu verfassen.

Ihre Jugendzeit endete dann ziemlich abrupt: Mit 18 wurde sie schwanger, mit 19 kam ihr Sohn Lars auf die Welt. In der damaligen Zeit war es in einer Kleinstadt wie Vimmerby ein Skandal, eine ledige Mutter zu sein. Weil Astrid Lindgren den Vater ihres Kindes aber nicht heiraten wollte, zog sie vom Land in die Anonymität der Großstadt Stockholm.

Dort begann sie eine Ausbildung zur Sekretärin. Sie lernte die Rechtsanwältin Eva Andén kennen, die unverheiratete Mütter unterstützte und Astrid Lindgren half, für die Geburt ihres Kindes nach Kopenhagen zu gehen. Hier gab es das einzige Krankenhaus Skandinaviens, in der frau ein Kind bekommen konnte, ohne dass dies automatisch bei den Behörden gemeldet wurde. Hier wurde ihr auch geholfen, eine gute Pflegefamilie für ihren Sohn Lars zu finden. Astrid Lindgren durchlebte eine schwere Zeit, denn obwohl es ihr sehnlichster Wunsch war, ihren Sohn bei sich zu haben, musste sie ihn aus finanziellen Gründen zuerst in fremde Hände geben. Sie arbeitete weiter an ihrer Ausbildung und sparte jede Krone, um ihren Sohn besuchen zu können.

Nach Beendigung ihrer Ausbildung arbeitete Astrid Lindgren zunächst in der Radioabteilung der "Schwedischen Buchhandelszentrale", dann beim "Königlichen Automobilklub". Hier lernte sie ihren späteren Mann, Sture Lindgren kennen.

1929 wurde Lars Pflegemutter herzkrank, Lars musste in einem Heim untergebracht werden. Kurzentschlossen holte Astrid Lindgren ihren Sohn dann zu sich nach Stockholm. Ihre Zimmerwirtin passte auf ihn auf, während sie zur Arbeit ging. Astrid Lindgrens Mutter hielt dies allerdings für keine gute Lösung, weshalb sie Lars nach Näs holte. Hier wurde er von den Großeltern umhegt und umsorgt.

1931 heirateten Astrid und Sture Lindgren, sie holten Lars zu sich, Astrid Lindgren konnte von zu Hause aus arbeiten. 1934 wurde ihre Tochter Karin geboren.

Von 1937 an arbeitete Astrid Lindgren immer wieder als Sekretärin in der Kriminologie der Stockholmer Universität. Ihr politisches Engagement begann, zunächst setzte sie sich für die Kinder ein. In den dreißiger Jahren beschäftigte sie sich mit internationaler Politik und durchschaute bald Hitlers Machenschaften.

Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete sie kurze Zeit bei der Briefkontrolle des schwedischen Nachrichtendienstes. Sie gewann dadurch einen Einblick in politische Zusammenhänge und lehnte sowohl Hitler und den Nationalsozialismus, als auch Stalin und den Bolschewismus als menschenverachtende Systeme aus tiefster Überzeugung ab.

1941 begann die Erfolgsgeschichte von Astrid Lindgren und Pippi Langstrumpf. Ihre Tochter bat sie: "Erzähl mir von Pippi Langstrumpf". Und sie erzählte von diesem Mädchen, das stark war und ohne Eltern lebte, das Macht hatte, ohne sie zu missbrauchen, das sich für die Schwachen einsetzte und die wildesten Abenteuer erlebte.

1944 schrieb sie ihrer Tochter die Geschichten als Geschenk zu ihrem 10. Geburtstag auf. Den Durchschlag des Manuskripts schickte sie an einen Verlag "... in der Hoffnung, dass Sie mir nicht die Jugendfürsorge alarmieren". Der Verlag lehnte das Manuskript ab. Im gleichen Jahr schickte sie an den Verlag Rabén & Sjörgen das Manuskript ihres Buches "Britt-Marie erleichtert ihr Herz" und gewann damit den zweiten Preis in einem Wettbewerb für Mädchenbücher.

1945 reichte sie im selben Verlag eine überarbeitete Version von Pippi Langstrumpf ein und gewann den ersten Preis im Wettbewerb für Kinderbücher.

Das Buch bekam zahlreiche positive Kritiken, wurde aber auch zerrissen - "Pippi Langstrumpf sei eine abnorme und krankhafte Gestalt" schrieb z.B. J. Landquist 1946, der "Hausfrauenverband" erregte sich über die Szene "in der sich die freche, rothaarige Göre" beim Kaffeeklatsch über Hausangestellte lustig mache. Im gleichen Jahr gewann sie mit Meisterdetektiv Kalle Blomquist den ersten Preis in der Kategorie Jugendkrimis des Verlags Rabén & Sjörgen und erhält den Literaturpreis der Zeitung "Svenska Dagblatt" für Pippi Langstrumpf - ein Siegeszug durch die Welt begann: Pippi Langstrumpf wurde in 58 Sprachen übersetzt!

In den folgenden Jahren erschienen u.a. "Kinder aus Bullerbü" (1947), "Mio, mein Mio" (1954), "Rasmus und der Landstreicher" (1958), "Madita" (1960), "Michel von Lönneberga" (1963); "Die Brüder Löwenherz" (1973), "Ronja Räubertochter" (1981).

1952 starb ihr Mann nach einer schweren Krankheit, 1961 ihre Mutter Hanna, 1969 ihr Vater Samuel August. Dies waren schwere Verluste für Astrid Lindgren, für die ihre Familie einen großen Stellenwert hatte. Auch ihr Bruder Gunnar starb früh (1974) und ihr Sohn Lars 1986. Ihre Tochter Karin, ihre sieben Enkel und Urenkel blieben die Freude und der Trost ihres Lebens.

Politisch engagierte sie sich 1976 mit dem Steuermärchen "Pomperipossa in Monismanien", das zur Abwahl der sozialdemokratischen Regierung nach über 40 Jahren führte. 1978 erhielt sie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Zu diesem Anlass hielt sie ihre bekannte Rede "Niemals Gewalt".

Von 1985 an setzte sie sich verstärkt für den Tierschutz ein und schrieb gemeinsam mit Kristina Forslund im Zusammenhang mit der Tierschutzdebatte das Buch "Meine Kuh will auch Spaß haben". 1986 gründete sie die Stiftung "Solkatten" ("Sonnenkatze") für behinderte Kinder. 1987 entwickelte sich ein Briefwechsel mit Michail Gorbatschow zum Thema Frieden.

Am 28. Januar starb Astrid Lindgren 94-jährig in Stockholm.



Quellen:
von Schönborn, Felizitas. Das Paradies der Kinder. edition q, 2002.
Ljunggren, Kerstin. Besuch bei Astrid Lindgren; Oetinger, 1994.
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